Buchkritik "Bellies and Bullseyes" von Sid Waddell

  • Nachdem ich mir nun kürzlich Sid Waddells aktuelles Buch zu Gemüte geführt habe, erstelle ich mal eine kleine Buchkritik, vielleicht ist es ja für den einen oder anderen interessant.

    Sid Wadell
    "Bellies and Bullseyes"
    The Outrageous True Story of Darts
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    Sid Wadell beschreibt die Entwicklung des Dartsports von Anfang der 70er bis heute und dies aus Sicht der Fernsehmacher. Im Jahre 1972, als junger Produzent/Redakteur für Fernsehbeiträge, war es Sid, der als erster die Auffassung vertrat, gerade Dart, wäre als Fernsehsport besonders geeignet, da sich einerseits der Produktionsaufwand in Grenzen hielte andererseits aber gerade Dart-Duelle viel Drama und Atmosphäre vermitteln könnten. Und seine Bosse ließen Ihn Darts in der Sendereihe Indoor-League auf den TV-Schirm bringen. Damals zunächst als Produzent, später dann als Kommentator.

    Von diesen ersten vorsichtigen Schritten spannt Wadell den Bogen über nahezu alle Aspekte unseres Sports. Die frühen Heroen wie Alan Evans, Leighton Reese tauchen eben so detailliert beschrieben auf wie ein "hochnäsiges Jüngelchen" Namens Eric Bristow. Das endet natürlich beim unglaublichen Phil Taylor uns seiner legendären Dominanz.

    Sid zeigt einen persönlichen, sehr lebhaften und detaillierten Blick auf die Protagonisten aber auch auf die Umstände und erzählt uns auch, wie sie damals den Split-Screen erfunden haben, welcher einen enormen Durchbruch in der Fernsehpräsentation darstellte, etwas, von dem man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen kann, dass es jemals anders gewesen wäre. Interessant auch, seine Dauerkonkurrenz mit Tony Green um die Krone des besten Kommentators und seine Ängste, dass er wegen seines Asthma oder Checkout-Rechenschwäche (!) hinter Tony zurückfallen könnte.

    Überhaupt scheint die Furcht, in der Kommentatorenbox völlig zu versagen und dabei weder inhaltlich noch in der Darbietung eine gute Arbeit abzuliefern, ein ständiger Wegbegleiter von Mr. Wadell gewesen zu sein. Was wahrscheinlich auch erklärt, warum er in dem Buch dann gerne zitiert, was die Presse über seine Kommentation geschrieben hat.

    Neben diesen eher sehr persönlichen Themen und Eigenarten der Fernsehwelt, schreibt Sid aber überwiegend über die Protagonisten und einigen Spielern sind eigene Passagen gewidmet. Namentlich Jockey Wilson, Eric Bristow und natürlich Phil Taylor.

    Den besonderen Reiz dieses Buches machen zweifelsohne die ungeheure Menge an Anekdoten aus, von denen Sid zweifelsohne einen gigantischen Fundus besitzt. Ich will hier nicht zuviel verraten, viele der Stories sind wirklich interessant, neu (zumindest für mich) und oft witzig/komisch (wie z.B. Cliff Lazarenko, nachdem ein Arzt ihn erkannt hat, von diesem gefragt wird, ob er heute Alkohol getrunken hätte, Cliff kurz nachrechnet und dann zum Entsetzen des Dr. antwortet, 'Hmmm, ja, 16 Pints') . Aber sie atmen immer die Authentizität desjenigen, der wirklich dabei war.
    Nur wenige dürften z.B. mitbekommen haben, wie Phil Taylor in der Halbzeitpause seines epischen Finales gegen Kevin Painter dermaßen mit den Nerven zu Fuß war, dass er mit Tränen in den Augen davon geredet hat, diesen Druck nicht mehr aushalten zu können und ans Aufhören denken würde. Nur um dann duch eine Bemerkung eines Offiziellen, plötzlich doch wieder den richtigen Fighting-Spirit zu finden und die Kiste doch noch nach Hause zu bringen (überhaupt sollte man wohl sehr vorsichtig sein, was man in Hörweite von Phil so sagt, der gute Mr. Part hat sich da mal übelst in die Nesseln gesetzt und wurde von Phil dafür postwendend am Board abgestraft).

    Herausragend auch seine Darstellung des Dartsplits zwischen BDO/WDC und insbesondere die Schilderung der überharten Gangart, die die BDO damals eingeschlagen hatte. Aber Olli Croft kommt bei Sid ohnehin nicht so gut weg, ich zitiere einmal aus dem Buch, als Sid Olly das erste mal (Anfang der 70er bei einer Sendung von Indoor League) traf (von mir übersetzt):

    "An einem Eckboard stand die vielleicht interessanteste Gruppe von allen Dartern. Nach dem Ende der ersten Staffel hatte ich einen sehr großspurigen Brief aus dem großspurigen Cockney erhalten. Ein Typ namens Olly Croft stellte sich darin vor als der "Supremo" des Londoner und in der Tat ganzen engländischen Darts und bot an, drei Star Spieler nach dem Norden zu bringen, um dem Rest mal zu zeigen, wie man Dart spielt....

    Olly deutete auf auf seinen dritten Champion, der gerad practise machte und sagte: ' Das ist Tommy. Er wird gewinnen' ... 'Viel Glück meine Herren' murmelte ich, während ich in Wirklichkeit meinte 'überhebliche Cockney Penner'. ...

    Das Finale erüllte nicht unsere Erwartungen. Ein selbstsicherer Tommy O'Regan schlug einen nervösen ALan Evans. Olly Croft schüttelte meine Hand und lächelte. Ich war mir nicht sicher, was ich von ihm halten sollte. Er sprach mit einem Cockney Akzent und war bekannt als Besitzer eines profitablen Baustoffhandels. Er erzählte jedem der zuhören wollte, dass er der 'Alf Ramsey des Darts" werden wollte. Seine diktatorische Haltung gegenüber den Dartspielern, als er tatsächlich der Darts Supremo wurde, lag im Kern des Disputes, der Darts zwanzig Jahre später auseinander riss."

    Wer aus einem übervollen Füllhorn mit solchen Geschichten und Geschichtchen trinken will, ist mit dem Buch zweifelsohne glänzend bedient. Leider ist das Englisch oft ziemlich haarig. Denn Sid, schreibt oft so, wie er kommentiert, umgangssprachliches, vibrierendes Englisch, mit vielen angedeuteten Zitaten, die so gar nichts mit dem Schulenglisch zu tun haben. Ab und an bleibt einem nichts, als bestimmte Sätze einfach zu überlesen oder sich mit einer Ahnung ihrer Bedeutung zu begnügen.

    Das tut aber insgesamt dem Lesevergnügen wenig Abbruch und Sids Buch bleibt m.E.die momentan wohl lebendigste, vergnüglichste und spanndendste Dartstellung der Dartszene überhaupt.

    Klare Kaufempfehlung. :vertrag:

    Einmal editiert, zuletzt von madHouse (29. August 2010 um 14:45)

  • Nur wenige dürften z.B. mitbekommen haben, wie Phil Taylor in der Halbzeitpause seines epischen Finales gegen Kevin Painter dermaßen mit den Nerven zu Fuß war, dass er mit Tränen in den Augen davon geredet hat, diesen Druck nicht mehr aushalten zu können und ans Aufhören denken würde. Nur um dann duch eine Bemerkung eines Offiziellen, plötzlich doch wieder den richtigen Fighting-Spirit zu finden und die Kiste doch noch nach Hause zu bringen (überhaupt sollte man wohl sehr vorsichtig sein, was man in Hörweite von Phil so sagt, der gute Mr. Part hat sich da mal übelst in die Nesseln gesetzt und wurde von Phil dafür postwendend am Board abgestraft).


    Erstmal vielen Dank für diese doch Appetit machende Buchrezension. Wenn ich in ein paar Wochen wieder mehr Zeit habe, dann ist dieses Buch wohl das, was ich mir sofort mal reinbrezeln werde.

    Aber nun zum obigen Zitat: hätte dieser Offizielle nichtmal so weit seinen Mund zu lassen können, dass Taylor nur weitermacht, nicht aber Painter schlägt??? Ahhhhhhhhhhhhhh.................

    Posting © the scientist 2012. Alle Rechte vorbehalten. Kein Verwenden, Zitieren oder Kritisieren ohne Erlaubnis.

  • Danke dir für diese schöne Rezension.
    Bei meinem verbliebenen Schulenglisch müßte ich da wohl zuviele Passagen überfliegen.
    Habe mir vor nem Jahr "The art of darts" von John Lowe gegönnt und da war es teilweise schon nicht einfach.

    DC Krumme Finger Bochum 1987 e.V.

    Das Leben ist kein Ponyschlecken!

    Einmal editiert, zuletzt von 2geben3nehmen (29. August 2010 um 19:04)

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