Meiner Meinung nach war es völlig richtig, im Zustand der Unwissenheit zunächst vom schlimmsten auszugehen - besser das, als dass man das Virus fatal unterschätzt. Dementsprechend bin ich mit der bisherigen Krisenbewältigung äußerst zufrieden.
Etwas, dass sich ganz tagesaktuell an der Beurteilung des Virus geändert hat, ist die Bedeutung der Superspreader. Kurz gesagt: Man geht davon aus, dass wenige Infizierte viele Menschen auf einmal anstecken, aber die meisten Infizierten nur wenige andere. So verlaufen sich die meisten Infektionsketten relativ schnell, während einzelne sich gr0ßräumig verbreiten. Ein Faktor für die Ausbreitung ist wohl die Menge an Leuten auf engem Raum: Trifft man nur wenige Menschen, am besten draußen oder in genügend gelüfteten Räumen und bei ausreichend Sicherheitsabstand und Maske, scheint die Infektionsgefahr immer geringer zu werden und fast gegen 0 zu gehen. Selbst wenn man jemanden infiziert, entsteht daraus vermutlich keine Kette, wenn sich alle Beteiligten vorbildlich verhalten. Das macht eine eventuelle zweite Welle natürlich leichter nachvollziehbar, sie würde nicht überall zeitgleich ausbrechen, sondern wie die Erste von spezifischen Ereignissen ausgehen.
Das bedeutet aber auch: Großveranstaltungen auf engem Raum und langer Kontakt in geschlossenen Räumen sind die Traumbedingungen für das Virus. Ich halte eine Aussetzung/Beschränkung von Großveranstaltungen weiterhin für sinnvoll, sollte sich diese Ausbreitungsart bestätigen - solange, bis ein Impfstoff existiert. Auch Alten- und Pflegeheime und Krankenhäuser sowie Schulen und speziell Kindergärten wären dann ein potenzieller Gefahrenraum. Hier bleibt nur inständig zu hoffen, dass Herr Drosten mit seiner Berechnung tatsächlich nicht richtig liegt und das Infektionsrisiko bei Kinder wesentlich niedriger ist! Auch Clubs, Restaurants und Bars könnten Schwierigkeiten machen.
Nach und nach werden wir cleverer als das Virus. Chris, ich denke wir sind uns einig wenn ich sage: Man sollte eine erneute Ausbreitung mit allen angemessenen Mitteln verhindern. Wir bekommen ein immer besseres Gefühl dafür, angemessene Mittel anzuwenden. Man darf nur nicht vergessen, wie schnell sich das Virus uneingeschränkt ausgebreitet hat - eine Rückkehr zur absoluten Normalität wie im Vorjahr wird wohl schlicht nicht möglich sein.