Aktuell sieht es wirklich etwas mau aus bei den Deutschen
Es herrscht eine gewisse Flaute 
Aber wenn ich an meine Anfänge hier im Forum zurückdenke (vor ca. 8 Jahren), dann hat sich im deutschen Dartsport so einiges getan 
In den letzten Jahren gab es nicht nur mehrere Titel auf der Pro-Tour zu feiern (durch verschiedene Spieler), sondern auch vermehrt starke Ergebnisse (und Titel) auf der DT/CT sowie in der WDF. Mit Krohne, Unterbuchner und Preis haben drei der aktuell formstärksten deutschen Spieler noch nicht mal eine Tourcard.
Anno 2018 wurde (in meiner Erinnerung) noch jeder deutsche Top 8 Run auf dem Floor ordentlich abgefeiert; heute wird sowas bei einem PC-Block eigentlich schon erwartet.
Ich empfinde diese Entwicklung innerhalb von nur 8 Jahren als sehr beachtlich 
Da ich gerade Langeweile habe, möchte ich hier mal ein paar Gedanken zu einigen deutschen Tourcard-Holdern loswerden:
- Unsere Nummer 1 befindet sich leider seit einiger Zeit in der Formkrise. Für mein Gefühl hat Martin mit der Schwelle zur Top 16 sein aktuelles Limit erreicht. Vielleicht kommt da irgendwann noch mehr, schließlich ist er noch recht jung. In näherer Zukunft rechne ich aber nicht damit. Schon gar nicht, wenn er das Problem mit der 5 nicht in den Griff bekommt. Seinen Sport1 Boykott fand ich ein bisschen unglücklich.
Insgesamt verlief seine Entwicklung jedoch höchst erfreulich. Vier Titel auf der Pro-Tour ist schon eine Ansage. Vor allem seine Konstanz auf der ET war zwischenzeitlich sehr beeindruckend. Da gehörte er zu den Besten der Welt. Zumindest auf ET-Ebene hat er den deutschen Dartsport auf ein komplett neues Level gehoben
Und was die Formkrise angeht, da befindet sich Martin doch in prominenter Gesellschaft. Ich bin jedenfalls guter Dinge, dass er zeitnah wieder in die Spur findet und seinen Platz in der Top 32 behaupten wird.
Bei Gaga und Ricardo bin ich da leider nicht so sicher 
- Gaga ist zwar immer mal für kleinere (und größere) Highlights gut, aber ansonsten kommt da seit geraumer Zeit zu wenig. Zwischendurch flackert sein Können öfters mal auf (zuletzt das Humphries-Spiel), doch den Rückenwind kann er nur selten mitnehmen. Ich hatte ja gehofft, dass die aufstrebenden Schindler und Pietreczko etwas Druck von seinen Schultern nehmen, nur leider hat sich das auch nicht positiv bemerkbar gemacht. Er wirkt weiterhin ziemlich verkrampft. Aktuell steckt Gaga im Niemandsland fest, wobei die Tendenz eher nicht in Richtung Top 32 geht.
Wenn man jedoch den Blick auf seine gesamte PDC-Karriere richtet, dann kann man eigentlich nur zu einem sehr positiven Fazit kommen. Ich habe das Dartn-Forum anno 2018 noch nicht so genau verfolgt. Aber an eine hohe Erwartungshaltung in Bezug auf Gaga kann ich mich nicht erinnern.
Mittlerweile ist er 8 Jahre auf der Tour, hat 7 Finals erreicht (6x ProTour und 1x World Series), mehrfach für Deutschland als Kapitän den World-Cup gespielt, war mehrere Jahre deutsche Nummer 1 und Top 32 der PDC und er hat beim wichtigsten Turnier des Jahres gleich zweimal (historisch) groß aufgespielt und Deutschland in ein Dartfieber versetzt.
Ich weiß noch, wie ich beim WM-Spiel gegen Ratajski am Ende vor lauter Anspannung nicht mehr hinsehen konnte 
Oder der Matchdart gegen Jim Williams und Gagas anschließender Jubel 
Auch Price mit seinem Gehörschutz kommt mir sofort in den Sinn. Die Prüfung hat Gaga mit Bravour bestanden 
Der German Giant hat schon für einige (deutsche) Gänsehaut-Momente gesorgt, und das auf der größten Bühne von allen. So einen Karriere-Verlauf hätte doch anno 2018 jeder unterschrieben.
Einzig der fehlende Titel macht die Sache etwas unrund. Auch wenn die Rückkehr in die Top 32 nicht mehr gelingen sollte (die Konkurrenz wird gefühlt immer stärker), hoffe ich noch auf diesen einen Titel. Als Gaga-Fan war es schon etwas schmerzhaft, als plötzlich ein deutscher Spieler nach dem anderen Titel gewonnen hat und bei Gaga weiterhin nichts Zählbares heraussprang 
Aber wer weiß, vielleicht schlägt er irgendwann nochmal aus dem Nichts zu 
- Ricardo ist für mich ein schwieriger Fall. Ich kann ihn nie so richtig greifen. Als Scorer in die PDC gekommen und dort plötzlich zu einem Doppel-Spezialisten mutiert. Zumindest zeitweise. Sein Finale auf der ET-Tour mit 100 Prozent Doppelquote wird auf ewig ein Highlight der deutschen Dartgeschichte sein.
Aus seinem Verhalten wird man nicht wirklich schlau. Manchmal charmant und kommunikativ, dann wieder bockig und merkwürdig. Und das zieht sich ja schon über viele Jahre. Ein "odd guy", wie Nathan Aspinall es ausgedrückt hat. Wahrscheinlich ist Ricardo einfach ein launenhafter Mensch und das wird dann unter dem Wettbewerbsdruck nochmal verstärkt. Würde mir persönlich nicht anders gehen 
Auch sportlich gesehen ist Ricardo eine wandelnde Wundertüte. Und das nicht nur im negativen Sinn. Einen tiefen Run oder gar einen Titel aus dem Nichts würde ich ihm aktuell noch eher zutrauen als Gaga. Auch für eine Rückkehr in die Top 32 sehe ich bei Ricardo etwas bessere Chancen. Aber bekommt er noch die nötige Konstanz in sein Spiel (und sein Gemüt)?
Aus meiner Sicht hat Ricardo in seiner PDC-Karriere ebenfalls überperformt, wenn auch (noch) nicht so stark wie Gaga. Und mit seiner bisweilen kauzigen Art ist er für mich auch ein willkommener deutscher Farbtupfer im Tourzirkus. Ricardo ist schließlich immer für ein paar hitzige Diskussionen hier im Forum gut 
- Kommen wir zu Niko Springer. Nachdem ihn seine Ausbildung zwischenzeitlich etwas ausgebremst hat, ist er dann doch auf der Tour gelandet. Ein Nico-Kurz-Szenario blieb uns also erspart. Und das erste Jahr auf der Tour konnte sich sehen lassen. Gleich zwei Finals auf der European Tour und dabei einen Titel abgestaubt (außerhalb der DACH-Region!). Und so ein Finale bei einem ET-Event ist für deutsche Spieler keine Selbstverständlichkeit. Auf dem Floor hat er die typischen Symptome eines sehr talentierten Neulings gezeigt. Teilweise echt hohe Averages und Weltklasse Phasen in den Spielen, aber dafür zu wenig Ertrag. Erinnerte stark an Gian van Veen.
Seine aktuelle Form erinnert leider so gar nicht an die Nummer 3 der Welt. Seit einiger Zeit ist spürbar Sand im Getriebe 
Vielleicht hat er sich noch nicht vollends an den harten Touralltag gewöhnt, oder die hohe Erwartungshaltung macht ihm zu schaffen. Ich würde mal behaupten, dass viele Beobachter Niko als zukünftige deutsche Nummer 1, potenziellen ersten deutschen Major-Gewinner, zukünftigen Top 16 Spieler etc. sehen. Und dafür gibt es auch gute Argumente. Niko selbst scheint ebenfalls sehr ambitioniert zu sein. Aber diese hohe Erwartungshaltung kann eben auch negative Begleiterscheinungen mit sich bringen. Dazu ist er jetzt erstmals als Vollprofi unterwegs, muss also mit dem Dartsport seinen Lebensunterhalt finanzieren. Auch das kann nochmal für zusätzlichen Druck sorgen.
Mit Blick auf Littler, van Veen, Nijman oder aktuell vielleicht noch Zonnefeld und Doets kann ich die Ungeduld einiger User gut verstehen. Niko hat schon großes Potenzial angedeutet und kann sich jetzt endlich vollends auf die Darts fokussieren. Da hatte man eigentlich eine andere Entwicklung im Sinn. Aber er wäre längst nicht der erste talentierte Spieler, bei dem der nächste größere Schritt etwas länger auf sich warten lässt. Er ist ja gerade mal in seinem zweiten Tourjahr. Ich bin weiterhin guter Dinge, dass er uns auch in Zukunft noch viel Freude bereiten wird.
- Als Letztes möchte ich nochmal kurz etwas zu Lukas Wenig schreiben.
Vor seiner Entwicklung kann ich nur den Hut ziehen. Trotz vieler bitterer Rückschläge hat er sich stetig nach oben gekämpft und immer wieder an ein höheres Niveau angepasst. Mittlerweile gehört er wahrscheinlich zu jenen Spielern, die sich niemand früh im Turnier wünscht. Die Anfänge auf der Tour waren ein hartes Brot, obwohl er zuvor schon mehrmals als Nachrücker aktiv war. Ganz neu war das für ihn also nicht. Er hat sich dann aber nach und nach stabilisieren können und beim Grand-Slam gab es schließlich eine üppige Ernte. Das war wirklich ein bockstarkes Turnier von Lukas, vor allem weil er im ersten Gruppenspiel noch so tragisch gegen The Freeze verliert. Das haben wir doch alle als Genickbruch wahrgenommen. Am Ende geht er vor Noppert und Clayton als Gruppenerster durch und besiegt auch noch seinen favorisierten Landsmann im Achtelfinale.
Damit hat er sich nach dem schwachen ersten Jahr wirklich noch die Tourcard gesichert 
Ach ja, ein Finale bei den Players Championships steht ebenfalls schon zu Buche.
Ich sehe Lukas aktuell nicht als potenziellen Top 16 Spieler oder so, aber an den Top 32 könnte er durchaus mal kratzen. Sein Auftreten ist mittlerweile viel selbstbewusster geworden und beim Jubeln zeigt er auch etwas physische Präsenz. Wobei letzteres noch ausbaufähig ist bei seiner Statur 
Hoffentlich hat ihm der Run beim Grand Slam etwas mehr Vertrauen in seine Bühnentauglichkeit gegeben. Daran hat es gefühlt immer etwas gehapert.
Stand jetzt sehe ich realistische Chancen, dass sich Lukas die nächsten Jahre auf der Tour halten kann. Einen (Überraschungs-)Titel bei einem PC könnte ich mir ebenfalls vorstellen. Aber dafür kommen natürlich dutzende Spieler in Frage.
So, das wars erstmal. Wobei da noch so einige interessante Namen auf der Tour herumschwirren. Aber das zeigt ja nur, wie sehr sich der deutsche Dartsport in der Breite verbessert hat.
Einigen mag meine Sichtweise vielleicht zu unkritisch erscheinen, aber wie oben schon mal erwähnt bin ich mit der Entwicklung im deutschen Dartsport ziemlich zufrieden. Und das Ende der Fahnenstange ist da gewiss noch nicht erreicht. Es braucht nur etwas Geduld.
Eventuell sehen wir gerade auf der Next Gen einen zukünftigen PDC Top-Spieler. Und wenn es schon kein deutscher Luke Littler sein sollte, dann doch wenigstens ein deutscher Rocky