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Alles anzeigen"Dart ist der Golfsport der Arbeiterklasse. Es ist ein Sport, der vielen eine Chance bietet – auch übergewichtigen Jungs." Mit Sätzen wie diesen hat sich Tomas "Shorty" Seyler Kultstatus in der deutschen Dartszene erworben. Als Co-Kommentator bei Sport1 oder später beim Streamingdienst Dazn war Seyler ebenso gerne gesehen und gefragt wie seine Expertenmeinung zu Dartthemen im WESER-KURIER. Der gebürtige Bremerhavener war als Aktiver unter anderem dreimal deutscher Einzelmeister, viermal nahm er an der Weltmeisterschaft der Professional Darts Corporation (PDC) in London teil. Seyler war einer der Pioniere des deutschen Dartsports – jetzt ist er tot.
Im besten Wortsinn eben noch auf 180, ist Tomas "Shorty" Seyler am vergangenen Donnerstag im Alter von 49 Jahren verstorben. Das gab sein Freund und Geschäftspartner Sebastian Hielscher über den Instagram-Kanal ihrer gemeinsamen Firma "Shorty Merch" bekannt. Nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch am 29. Juni dieses Jahres hätten ihm die Ärzte trotz intensivster Anstrengungen nicht mehr helfen können, schrieb Hielscher. "Sein Tod erschüttert uns zutiefst und reißt eine große Lücke." Seyler sei friedlich eingeschlafen, teilten dessen Verlobte Wiebke Nienaber und seine Tochter Tara mit: "Shortys Reise auf dieser Welt ist zu Ende. Wir trauern um einen großartigen Menschen, der dem Leben stets mit Humor und Charme begegnet ist."
Sie trauern um einen Menschen, der mit seinem riesigen Fachwissen und seinem außergewöhnlichen Unterhaltungswert die Dartübertragungen zu einem TV-Ereignis mit Kultcharakter gemacht habe, heißt es dazu auf der Homepage des Senders Sport1, für den Seyler im Dezember 2011 bei der WM im altehrwürdigen "Alexandra Palace" im Norden Londons erstmals als Co-Kommentator zum Einsatz kam. "Shorty war ein Unikat mit vielen Visionen. Kaum jemand hat sich mit dem Dartsport so gut ausgekannt, kaum jemand konnte so viele Anekdoten erzählen", sagt sein früherer Nationalmannschaftskollege und Doppelpartner Andree Welge. Gemeinsam haben der gebürtige Bremer Welge und der Wahl-Bremer Seyler den Dartsport in Deutschland über Jahrzehnte hinweg erfolgreich vertreten und das Spiel mit den drei Pfeilen populär gemacht.
Tomas Seyler kam einst durch seinen Vater Reimund zum Dart. "Er hat von Turnieren häufig kleine, glänzende Pokale nach Hause gebracht – das wollte ich auch", hat Seyler vor etlichen Jahren mal dem WESER-KURIER erzählt. Neun sei er damals gewesen, als er erstmals auf eine Scheibe geworfen habe. Beim DC Earls-Pup in Bremerhaven sammelte der kleine Tomas dann erste Wettkampferfahrungen – und kam so auch zu seinem Rufnamen "Shorty", der Kurze.
Der kleine Seyler besaß Talent, doch wie viele Jungs in dem Alter spielte er früher auch Fußball und Handball, ehe ihn gesundheitliche Gründe zum Aufhören zwangen. Sein linkes Bein war dreieinhalb Zentimeter länger als das rechte. Im Alter von 13 Jahren wurde deshalb die Wachstumsfuge dicht gemacht. Seyler durfte den Knochen nicht belasten und lief zweieinhalb Jahre an Krücken. Ballsport war also nicht mehr möglich, aber Darten, das ging. „Da sind die Wege kurz, und ich konnte auf dem rechten Bein stehen", schilderte Seyler. Fünf bis sechs Stunden täglich hat er in dieser Zeit am Board verbracht und damit letztlich die Grundlage für seine erfolgreiche Dartlaufbahn gelegt.
Tomas Seyler hat einiges erlebt in seiner aktiven Zeit. Er ist für die Auswahl des Deutschen Dart-Verbandes nach Südafrika, Malaysia oder Australien gereist. Er hat mit dem DC Vegesack etliche Mannschaftserfolge in der Bundesliga gefeiert. Er hat auch gegen die ganz Großen der Szene gespielt. Gegen Rekordweltmeister Phil Taylor zum Beispiel. Gegen den fünffachen Weltmeister Raymond van Barneveld, oder auch gegen Superstar Michael van Gerwen. Seyler hat gemeinsam mit Andree Welge im Jahr 2004 die namhaft besetzten Dutch Open gewonnen. Bei diesem größten Doppelturnier der Welt setzte sich das Bremer Duo unter anderem im Halbfinale vor 7000 Zuschauern gegen die Paarung Barneveld/James Wade durch – ein Moment für die Ewigkeit.
Bis 2014 hat sich "Shorty" Seyler semiprofessionell auf der PDC-Tour ausprobiert. Er habe viel investiert, um seiner Karriere eine Form zu geben, sagte er. Highlights waren natürlich die vier WM-Starts in den Jahren 2006, 2007, 2010 und 2014, zunächst noch im "Circus Tavern", später dann im "Ally Pally". Seine Einlaufmusik: "Tage wie diese" von den Toten Hosen. Die Weltmeisterschaft war für "Shorty" Seyler stets "die fünfte Jahreszeit" – ob als Aktiver oder später als Experte. Er hat sie geliebt, diese "riesige Halligalli-Veranstaltung mit den vielen verrückten Charakteren". Mehrere Jahre hat Seyler dabei an der Seite von Moderator Elmar Paulke dieses Partyturnier rund um die Weihnachtsfeiertage fachkundig und auch launig begleitet. Er hat die Stimmung in die deutschen Wohnzimmer transportiert und sich dabei einen Kultstatus erarbeitet.
Als Grundschüler habe er früher ein Referat über Dart gehalten, und nun sei er im Fernsehen, "das ist eine irre Erfahrung", sagte Seyler mal im Gespräch mit dieser Zeitung. Der oft erwähnte Kultstatus sei ihm indes nie wichtig gewesen, betonte er. Aber er freue sich, dass es bei den Leuten offenbar gut ankommen würde, wie er die Sachen auch mit einem Lächeln auf den Punkt bringe. Wenn es um das Thema Dart ging, hatte Seyler eben immer etwas mitzuteilen. So auch während der Coronazeit als Entertainer in einem Autokino in Köln-Porz oder als Geschichtenerzähler in einem Podcast. Hier verriet er dem fragenden Publikum unter anderem, dass er Ikea-Pakete zwar ins Auto und auch in die Wohnung tragen würde, den Aufbau der Möbel aber seiner Lebensgefährtin Wiebke überlasse, die dafür die passendere Feinmotorik habe.
"Ein Dartspieler kann nichts dafür, dass sich die Leute im Publikum die Biere reinballern", auch das ist ein Zitat von Tomas Seyler. Dart hatte lange ein Imageproblem – das wusste der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann auch aus eigener Anschauung. Seyler war zwischenzeitlich nämlich mal Geschäftsführer der Kneipe "Nostalgie" in der Löningstraße nahe dem Bremer Bahnhof. "Nostalgie" war in der Zeit auch so etwas wie eine Heimat für die Bremer Dartszene: An mehreren Abenden der Woche wurden dort Ligaspiele ausgetragen. Begegnungen und Erlebnisse, die in Erinnerung bleiben.
An Tagen wie diesen hält die Dartwelt inne. An diesem Dienstag wäre Tomas "Shorty" Seyler 50 Jahre alt geworden.