Das Thema "Warum trägt die PDC eigentlich nicht alle Turniere vor Publikum aus?" ist doch jetzt schon genauso alt wie das Tourcard-System. Bei der Einführung vor über 10 Jahren wurde schon gemutmaßt, dass die 128 Cards nur der erste Schritt seien, um möglichst viele "unprofitable" Spieler aus dem System rauszukriegen, damit man dann bald eine reine Elite-Tour von 64 oder noch weniger Spielern zimmern kann, die sich rein als Stage-Turnierserie vermarkten lässt.
Und, was ist passiert? Nix. Oder eher noch, weniger als nix. Ein paar Jahre später kam dann zwar die European Tour, die irgendwie so nach dem Kern einer solchen Elite-Tour aussah - aber zum einen hat die eher zu einer Vergrößerung des Pro-Tour-Footprints geführt statt einfach nur 1:1 Players Championships zu ersetzen, und zum anderen lässt man jetzt schon seit fast 10 Jahren nicht davon ab, zwei Drittel der Startplätze über Qualis hinter verschlossenen Türen zu vergeben, auch auf die Gefahr hin, dass da regelmäßig ziemlich große Namen zuschauen müssen.
Währenddessen diskutieren wir immer noch die Frage, warum eigentlich selbst nach so langer Zeit noch so viele der 13 ET-Turniere in Deutschland stattfinden. Um Lutz beim Wort zu nehmen - ETs und PCs zusammenschmeißen (ich interpretiere mal die 30 PCs als 15 ET-äquivalente Turniere) und um ein Drittel in der Gesamtzahl reduzieren. Da wären wir dann bei ungefähr 20 Bühnenturnieren abseits der TV-Events. Ich dachte ja, ich wäre schon ziemlich optimistisch im Hinblick auf die Internationalisierbarkeit des European-Tour-Formats, aber das sprengt dann sogar meine Vorstellungskraft angesichts des geringen Entwicklungstempos, das wir bisher erlebt haben. Und dass die PDC hier auf der Bremse steht; kann man wohl ausschließen; wenn's da mehr zu kommerzialisieren gäbe, wären die schon längst dabei. Der Markt gibt es einfach nicht her.
Kleiner Einwurf am Rande: 20x European Tour statt 13x European Tour und 30x Players Championships bedeutet auch 960 Preisgeldplätze statt 2544. Man könnte natürlich in den Qualifikationen Preisgelder verteilen, damit diese auch weiterhin ähnlich breit gestreut werden, aber...wären die Qualis dann nicht einfach Players Championship 2.0? Allerdings ziemlich deprimierende PC 2.0, da dann am Floor wirklich gar keiner mehr irgendwas erreichen würde, was man als Spieler als erinnerungswürdigen Erfolg bezeichnen könnte.
Alternativ könnte man natürlich voll auf das Elite-Tour-Modell gehen und wenig bis gar keine Qualis machen, und die "überflüssigen" Spieler in eine Challenge Tour Deluxe abschieben. Dann soll aber keiner mehr darüber klagen, dass man immer nur die gleichen Spieler sieht...
Und das am Ende von Lutz angedeutete Modell "nur Bühnenturniere, aber mit mehr als 128 Tourcardlern, die um die Teilnahme spielen" bringe ich konzeptionell nun wirklich überhaupt nicht zusammen. Wem soll das in der Praxis dienen, abgesehen von den ein, zwei hypothetisierten Spielern, die dann vielleicht mal von ganz weit außerhalb der Fanwahrnehmung groß auftrumpfen könnten? Nichts für ungut, aber nach meinem Eindruck hat Lutz da zu sehr die Journalistenbrille auf und fokussiert sich nur auf das Potenzial an möglichen "Stories", ohne sich Gedanken um die ganzen Spieler zu machen, die nicht storywürdig sein werden, aber trotzdem bei seinem System (im wahrsten Sinne des Wortes) mitspielen sollen.
Edit: Und übrigens...das "neue Fans verstehen den Aufbau der Tour nicht, und die PDC ist schuld daran"-Thema halte ich für eine Scheindiskussion. Wenn über ein Schindler-Finale in 'ner Players Championship so berichtet würde wie über ein Finale eines nachrangigen deutschen Tennisspielers in einem x-beliebigen ATP-250-Turnier, nämlich bestenfalls als Kurznotiz, dann würden diese Fans gar nicht erst auf die Idee kommen, PCs für ein großes Ding zu halten. Stattdessen würden sie langsamer, kleinschrittiger und organischer in die Details des Tourwesens einsteigen. Dieses Problem hat sich die deutsche Dartsberichterstattung meiner Meinung nach selbst geschaffen.